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Strafrecht
02.05.2011, George Stavrakis

Die Schwarzjacken verlieren langsam die Nerven

Hinter den Kulissen des Black-Jackets-Prozesses brodelt es - Mehrere Angeklagte streiken, einer lässt die Hüllen fallen

Am heutigen Montag geht's weiter - doch der Mammutprozess gegen 21 mutmaßliche Mitglieder der Jugendgruppe Black Jackets zehrt an den Nerven der jungen Angeklagten. Einige streiken, andere prügeln sich. Bisher sind sage und schreibe 89 Prozesstage absolviert.

STUTTGART. Der junge Mann hatte einfach keine Lustmehr. Seit dem 2. März vergangenen Jahres wird er im Schnitt zweimal pro Woche von dem Gefängnis, in dem er in Untersuchungshaft sitzt, nach Stammheim ins Mehrzweckgebäude gebracht,wo er sich wegen versuchten Mordes verantworten muss. Der Bursche will endlich sein Urteil. In derVorführabteilung weigert er sich, den Gerichtssaal zu betreten. Er zieht sich bis auf die Schuhe nackt aus. "Jetzt könnt ihr mich ja vorführen", sagt er zu den Justizbeamten. Nach gutem Zureden seiner Verteidiger zieht er sich an und nimmt doch noch am Prozess teil.

Bei einem anderen Angeklagten ging die Sache nicht so glimpflich aus. Er gehörte zu einer Gruppe von neun jungen Männern, die sich ebenfalls weigerten, weiter an dem Prozess teilzunehmen. Sechs ließen sich überzeugen, zwei gaben ihren Streik beim Anblick der speziellen Eingreiftruppe auf. Nur der eine Angeklagte blieb hart - und wurde schreiend mit sogenanntem unmittelbarem Zwang vorgeführt. "Er hatte einige rote Stellen im Gesicht", sagt ein Verteidiger.

Die Nerven liegen blank -mindestens bei den Angeklagten, die als Mitläufer gelten oder sich selbst als solche einschätzen. Die inzwischen 18- bis 25-jährigen Männer sitzen seit fast zwei Jahren in U-Haft. "Das ist eine schwierige Situation", sagt Verteidiger Jörg-Matthias Wolff, der einen der 21 Angeklagten vertritt. Vor allem Jugendliche und Heranwachsende würden nach so langer Zeit kaum noch den Zusammenhang zwischen Tat und Strafe verstehen.

Tatsache ist aber, dass alle Angeklagten zu dem blutigen und fast tödlichen Vorfall schweigen, der sich im Juni 2009 auf demGelände der Waisenhofschule in Esslingen ereignet hat. Damals war eine vermummte Gruppe von Schwarzjacken - offenbar Mitglieder der Black Jackets - auf mehrere junge Leute zugestürmt und hatte drei Personen mit Schlagwerkzeugen massiv verletzt. Ein Opfer wurde so schwer am Kopf getroffen, dass Hirnmasse austrat. Der Fachabiturient wird nie wieder gesund werden, sein Leben ist ruiniert. Die Anklage lautet unter anderem auf versuchten Mord in drei Fällen.

Bis jetzt ist es nicht gelungen,
die Phalanx der Männer zu durchbrechen.
Keiner sagt aus

Drei oder vier der 21 Angeklagten, die zur Sicherung des Prozesses von 42 Verteidigern vertreten werden, sollen die schlimmsten und folgenreichsten Prügelattacken ausgeführt haben. Die Staatsanwaltschaft kennt die Namen, die Männer sind von Zeugen und mittels DNA-Spuren ermittelt worden. Ob das zu einer Verurteilung reicht, ist ungewiss. Und ob der Vorwurf des versuchten Mordes gegen alle 21 Männer aufrechterhalten werden kann, ist zweifelhaft.

Bis dato ist es nicht gelungen, die Phalanx der Männer zu durchbrechen. Keiner sagt aus, keiner belastet einen anderen. Und wenn sich andeutet, dass einer der Burschen weich werden könnte, wird er unter Druck gesetzt. So attackierten einige Angeklagte einen 22-jährigen mutmaßlichen Mittäter in Stammheim, Justizbeamte schritten ein. Im Gefängnis in Mannheim soll ein Angeklagter ebenfalls von dort einsitzenden Black-Jackets-Mitgliedern geschlagen worden sein. "Ein Black Jackets zu sein heißt Freundschaft auf ewig", ist auf der Website der multinationalen Gruppe nachzulesen, die als Erkennungszeichen schwarze Bomberjacken trägt, auf deren Rückseite der Kopf einer Bulldogge prangt. Freunde verrät man nicht. Dort steht auch geschrieben: "Jeder Mensch, der die Black Jackets nicht kennt, sollte wissen: Wer uns Respekt entgegenbringt, bekommt diesen auch zurück." Der schwer verletzte 26-Jährige, der im Juni 2009 in Esslingen zusammengeschlagen worden war und nichts mit den Schwarzjacken oder einer anderen Gruppierung am Hut hatte, denkt sicher anders darüber.

Nach 89 Verhandlungstagen scheint nun Bewegung in den Mammutprozess zu kommen. Am heutigen Montag wird erneut verhandelt, dann wollen die Richterinnen und Richter der 2. Jugendstrafkammer des Landgerichts Stuttgart ihre vorläufige Einschätzung bekanntgeben. Soll heißen, jeder einzelne Angeklagte soll gesagt bekommen, was nach bisheriger Beweisaufnahme auf ihn zukommen könnte. Bisher hatte sich die Strafkammer bedeckt gehalten, auch in Gesprächen mit den Verteidigern und mit Oberstaatsanwalt Gernot Blessing. "Wir warten gespannt auf die Vorschläge, befürchten aber, dass uns so manches nicht gefallen wird", sagt Verteidiger Jörg-Matthias Wolff. "Wir sind offen für Vorschläge der Kammer, die das Verfahren abkürzen könnten", ergänzt Verteidiger Markus Bessler. Man werde dies ernsthaft prüfen.

Im Juli machen die meisten Angeklagten zwei Jahre U-Haft voll. Dann stehen Haftprüfungstermine an. Sollte sich der Prozess doch noch bis über den Sommer hinziehen, stehe zu befürchten, dass die Angeklagten noch massiver zu streiken beginnen, sagt ein Verteidiger.